Kritik und Essay | Marica Bodrožić - Marica Bodrožić
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Lesen ist meine Art, genauer zu denken.

  • Das Atemsemikolon zwischen Singen und Lauschen. Über Aleš Šteger, FAZ 2019
  • Ein Koffer auf Raten, Über Else-Lasker Schüler, FAZ 2019
  • Das Gedächtnis gehört den Verletzlichen – Ein Roman von 1962, der genau im richtigen Augenblick erstmals auf Deutsch erscheint: „Psalm 44“ von Danilo Kiš, FAZ 2019
  • Isidora Sekulić in Norwegen – Nomadisches Momentum – die Reisenotizen der serbischen Schriftstellerin aus dem hohen Norden neu aufgelegt, taz 2109
  • Die Brücke zum Gestern ist gesprengt, Die Toten reden mit und trotzen der Zeit: Pia Tafdrups Gedichte beschreiben die Demenz ihres Vaters als Verlusttabelle der Erinnerung, FAZ 2018
  • Ha Jin, Der ausgewanderte Autor, FAZ 2014
  • Über Robinson Jeffers: Die Zeit, die da kommt – Granit statt Illusion, FAZ 2010
  • Kieselsteine des Lebens. Über Adam Zagajewskis Essays „Verteidigung der Leidenschaft“, FAZ 2009
  • Gedächtnislandschaften – Über den niederländischen Lyriker Rutger Kopland, FAZ 2008
  • Über den Dichter Delimir Rešicki und die metaphysische Heimatlosigkeit Mitteleuropas, Frankfurter Rundschau 2008
  • Das Ende einer Fußnotenkarriere – Über die zu Unrecht vergessene Psychoanalytikerin Sabina Spielrein, Frankfurter Rundschau 2008
  • Ich schwieg, ich schwieg. Über Uroš Zupans Gedichte: „Immer bleibt das Andere“, FAZ 2008
  • Schönheit verpflichtet: „Sehen heißt ändern“ – über dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, FAZ 2006
  • Über Marisa Madieri, Eine mitteleuropäische Frau – In der Tradition der istrischen Grenzliteratur erlebt Marisa Madieri die Existenz als Kontinuität , Frankurter Rundschau, 2005
  • Dietrich Steinwede/ Dietmar Först: Die Jenseitsmythen der Menschheit, Frankfurter Rundschau 2005
  • In der Halbzeit hat es geregnet – Keine Angst vor der Fremde: Die Beobachtungen Karl-Markus Gauß‘ im Mittelpunkt der Ereignislosigkeit. Über den Osten der Slowakei, Frankfurter Rundschau 2004

Mein Danilo Kiš

So viel Welt und Innerlichkeit hat selten jemand mit einer so ungeheuren Stille in Wörter gepackt, mit einer derart tief durchdrungenen Wachheit, dass man diese Gedichte allen willigen Lesern in die Hand drücken und sagen möchte: bitte hört auf, euch mit Pasteten zu sättigen, hier gibt es richtige Nahrung!

Über Rutger Koplands Gedichte „Dank sei den Dingen“,
FAZ 2008

Aufschlussreich vor diesem Hintergrund ist das bereits 1932 geschriebene Gedicht „Das Gebet“, in dem das lyrische Ich „allerlanden“ eine Stadt sucht, „die einen Engel vor der Pforte hat. / Ich trage seinen großen Flügel – / gebrochen, schwer am Schulterblatt / Und in der Stirne einen Stern als Siegel.“ Dieser angeschlagene Engel ist ihrem Schicksal nähergekommen als sie selbst es bei der Niederschrift dieser Zeilen ahnen konnte. Er erinnert aber auch an Walter Benjamins „Engel der Geschichte“, dessen Flügel sich im vom Paradies kommenden Sturm verfangen. Bei Lasker-Schüler steht der Engel jedoch mit Gott in Verbindung, ja ist in ihn „gehüllt“ und symbolisiert ein zergehendes Momentum, wie ihn die Kabbala beschreibt. Dieser sich fortwährend neu erschaffende „Gottosten“ ist ihr ein Kompass in allen Lebenslagen und führte sie auch, ihrer unverblümten Direktheit wegen, gleich in den ersten Tagen ihres Exils zu Hugo May und Kurt Ittmann in das Warenhaus Julius Brunn, wo sie sich den besagten Koffer auf Raten kaufte. Mit diesem Koffer fängt die Beziehung zu den „treuen Indianerfreunden“ an und mit ihm reist sie auch nach Jerusalem, wo sie 1945 gestorben ist. Fast scheint es, als sei in ihm auch jene Zeit gestrandet, die in ihrer unbegrenzten Wahrnehmung auch altern konnte und doch auch zur Ewigkeit befähigt war.

Über Else Lasker-Schüler, FAZ 2019