Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe - Marica Bodrožić
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Die gusseisernen Begriffe unserer Zeit, die sich so sehr auf der Seite des Guten wähnen, aber gar nicht mehr empfunden werden, zerstören das Gleichgewicht der Wahrheit und schicken Frequenzen der Störung aus, die sich etwa dann zeigen, wenn beispielsweise immerfort von Gleichberechtigung oder Solidarität gesprochen wird, ohne dass diese je eingelöst würden. Das entleerte Wort wird mit jeder Wiederholung nur noch leerer ins Gedächtnis eingepflanzt, bis es gänzlich in die Lüge kippt. Wer sich dieser gusseisernen Gesinnung der Leere hingibt, ohne selbst zu denken, stützt die Sprache der Lüge. Er sieht nicht mehr nach echter Sprache suchend in sich selbst hinein, sondern ertaubt mit der Zeit an der entleerten Wiederholung. Die Integrität der eigenen Wahrnehmung kann ihn dann auch nicht mehr stützen. Von einer solchen Verfasstheit regelrecht im Innen eingezäunt, ist keinerlei Aufbegehren mehr möglich – auch in sich selbst nicht. (Text: Matthes & Seitz Verlag)

Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe
Matthes & Seitz Berlin, 2021

Wichtig ist und bleibt immer die persönlich errungene Sprache, der eigene Ausdruck, die sich hinter der Ehre, hinter der Fassade, hinter der Scheinpersönlichkeit verstecken. Wichtig sind die Fragen nach den eigenen Wunden, die nur durch durchschrittenes Bewusstsein kleine Wunder mit sich bringen können.

Wenn wir einsehen, dass wir einerseits unsere Verantwortung an niemanden abgeben können, und andererseits weder mehr noch weniger wert sind als all unsere Mitmenschen, mit denen wir aller oberflächlichen Unterschiedlichkeit zum Trotz, verbunden sind, ergibt sich eine Haltung, die Bodrožić „poetische Vernunft“ nennt, eine Vernunft, über die wir alle verfügen. Und ihr Buch ist eine einzige Ermunterung sich dieser Vernunft zu bedienen. Letztendlich kommt es, ob es um die europäische Gemeinschaft, um die Liebe, oder das Leben allgemein geht, auf jeden einzelnen von uns an. Wir schreiben die Welt, indem wir sie lesen. Und umgekehrt.

Elke Engelhardt, fixpoetry

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