Quittenstunden - Marica Bodrožić
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Die neuen Gedichte von Marica Bodrožić sind ein sprachmagnetisches Kopfarchiv. Ganz nebenbei entsteht in ihnen Seite für Seite ein klares poetisches Familienalbum, das Schrecken und Liebe gleichwertig behandelt und dabei den Schmerz nicht auslässt, der, Nachhalt von Gewalt, Angst und Verlust, immer als präziser Schreiber im Gedächtnis mitgeht.

Die „Quittenstunden“ bewegen sich im Echoraum von Gewalt und Freiheit. Die hier vorgelegten Muttergedichte, Vatergedichte und Liebesgedichte sind von einer sprachlichen Klarheit, die nicht nur eigene Erinnerungen aufleuchten lässt, sondern durch die auch ein wortschöpferisches Panoptikum als fühlbarer Sprachraum sichtbar wird.

(Quelle: Otto Müller Verlag)

Quittenstunden
Gedichte
Otto Müller Verlag, 2011

Mit nachtwandlerischer Sicherheit sprudeln Worte aus ihrem Inneren, formen sich zu Sätzen, Gedichten, springen vom Kleinen ins Große, von Katzen und Hunden zu Menschen, vom Naturempfinden ins Großstadtgewühl, vom Tag zur Nacht. Über den Vater: „…er konnte nichts schenken, nur anordnen, es war schlimm, ihn dennoch zu lieben.“ Von Sehnsüchten, unerfüllten und verschobenen, von der menschlichen Weisheit: „Am Ende aller vielfachen Welten bist du allein mit dir selbst im Dunkeln und im Lichten.“ Herzkontrolle, herzbündig und Kusskreislauf kommt bei ihr vor. Eine, die unterwegs ist, dem Leben nicht ausweicht, es von allen Seiten in sich aufnimmt. Und „schrittweise diese verbotene Zufriedenheit beim Schauen, beim Gehen, beim Stehen, beim Zusehen“ in sich zulässt.

Ulrike Guggenberger | Drehpunkt Kultur 

 

Der neue Gedichtband „Quittenstunden“ ist ein poetisches Familienalbum, in dem die Dichterin den Echoraum von Gewalt und Freiheit auszuloten versucht. „In den Sätzen muss der Atem wohnen“, sagt Marica Bodrožić:
„Quittenstunden liebte ich / schon im Bauch der Mutter / alles Schöne und Gute: knapp / Herznachkriegszeit / Farben und Gerüche / waren mein erster Hunger…“

Volker Sielaff

 

Die spannende Zerreißprobe im Gedichtband der 1973 geborenen Autorin kommt aus einem mehrfachen Dazwischen. Obwohl die Verse von atmosphärisch dichten Bildern, Metaphern und neuen Wortschöpfungen leben, tragen erzählerische Elemente die lyrischen Figuren voran: aus dem Geburtsort in Dalmatien, der Landschaft der frühen Kindheit im heutigen Kroatien, nach Frankfurt, New York, Paris und Berlin. Die Distanz der Autorin zum lyrischen Ich wird durch die Anrede eines Du noch vergrößert. Gäbe es den Begriff der Multi-Identität – auf Marica Bodrožić träfe er zu.

Dorothea von Törne, Die Welt

EIN SATZKANAL GANZ BLAU

gestrichen darin wir

was waren wir vor der Streichung

vor dem biographischen Vergehen

der Zeit ist es gleichgültig

wer uns welche Namen gab

wer vor zwanzig Jahren wer

und auf welche Weise war

aber in Farben gesprochen

warst du vielleicht Hoffnung und grün

Flüsse und Mündungen und Ufer

die Mutter der Vater der Bruder lauter Wörter

Formen und Versatzstücke von Kleidern und Röcken

ganz zu schweigen von den Mundwinkeln

vom vielfach geäußerten Wunsch zu leuchten

Caravaggios Erbe (und still zu sein)

ein lichtrandiges Buch

das niemanden stört.