Zuversicht oder Angst, mit dem Herzen zu denken - Marica Bodrožić
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Zuversicht oder Angst, mit dem Herzen zu denken

 

 

„DAS BLEI IST TRÄGE,/ NOCH STECKT DIE KUGEL IM LAUF./ SO HABEN WIR ZEIT.“ Diesem dreizeiligen Gedicht hat der 1952 im rumänischen Reschnitza geborene Lyriker Rolf Bossert den knappen, aber Bände sprechenden Titel ZUVERSICHT gegeben. In Anbetracht der Tatsache, dass er in einem Land lebte, in dem sogar die Ampeln Mitspielerinnen der Neutralität werden konnten, verwundert diese dichterische Radikalität nicht, gehörte Bossert zu den noch eigenständig Empfindenden. Die Fäuste in seinen Wörtern, Ausdruck von Wut und Verzweiflung, sind heute, aus der Rückschau betrachtet, noch sehr viel genauer lesbar, sind sie doch Zeuginnen einer Zeit geworden, die langsam, aber sicher in unseren europäischen Köpfen als Geschichte verbucht wird.

Für den im Banater Bergland in den rumänischen Sozialismus Hineingeborenen aber war dieser Teil der Geschichte eine verhängnisvolle Zeit. Er machte den Versuch, ihr zu entkommen als er, nach zermürbenden Hausdurchsuchungen und unter fortwährender Beobachtung durch den Geheimdienst Securitate, das Land 1985 mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen verließ. Ein Jahr zuvor, nachdem er auf offener Straße niedergeschlagen worden war, hatte er einen Ausreiseantrag gestellt und sich somit noch mehr der Willkür des Staates ausgesetzt. Anfang der achtziger Jahre hatte Bossert als Lektor gearbeitet und war wegen seiner Gedichte zunehmend ins Visier des Regimes geraten. Zudem  gehörte er zum rumänisch-deutschen Schriftsteller-Kreis der Aktionsgruppe Banat, der auch in der Zwischenzeit bekannt gewordene Autoren wie Herta Müller, Richard Wagner oder Franz Hodjak angehörten. Ein Publikationsverbot sollte Bossert mundtot machen. Und irgendwie ist diese Rechnung des Staates auf eine perfide Art und Weise auch aufgegangen, obwohl es der Dichter geschafft hatte, mit seiner Familie zu Weihnachten 1985 in Frankfurt am Main lebendig anzukommen. In einem Wohnheim für Aussiedler  brachte man sie unter. Noch bevor ein erster Gedichtband in Deutschland erscheinen konnte, hat sich Rolf Bossert ein Jahr nach seiner Ankunft im tristen Frankfurter Stadtteil Griesheim das Leben genommen.

Noch immer befand er sich im Dazwischen, im Auslandsgebiet der eigenen Biographie. Die lang ersehnte und im Gedicht „TRADITION, GENERATIONEN“ erschriebene Autonomie, sie will sich diesem Menschen nicht schenken: „DIE FÄUSTE UNTER ECKIGEN POLSTERN. / WIE GELD IM STRUMPF, UND/ NICHT WÄRMER./ FLÜCHE, ZWISCHEN/ GEFEILTE ZÄHNE GESCHOBEN,/ DIE GEFEILTEN FLÜCHE. ERZÄHL MIR/ GROSSMUTTER, WIE DER SCHREI AUSSIEHT./ DAS LEBEN IN DER AUTONOMIE.“ Das Schreiben in und nach der Diktatur, immer ist da der Eindruck „klirrender Schlüssel“, wie sie auch in einem Gedicht von Bossert benannt werden. Der Sonntag wird ein Angebot an einen „voraussehbaren Einbruch“. „JETZT BRÄUCHTE ICH DIE RUHE/ DIE NIE IN MIR WAR“, notiert er einmal. Sogar Lilien werden zu steifen Hyänen, Sicherheit, eine Art unverschämtes Wort. Über allem liegt in diesen Gedichten, auch in den festesten, ein Zittern, eine Wetterschicht, die aus der Angst herauszubrechen sucht, die sich weit hinauswagt und selbst den Tod der Wörter dabei in Kauf nimmt, wie es im Gedicht REQUIEM explizit ausgesprochen wird: „DIE WÖRTER FLACKERN NICHT MEHR“. Wörter also haben ihm den Weg ins Innere der Freiheit geleuchtet. Selbst mit der Schere im Kopf, von der es an einer Stelle heißt, wer mit ihr im Kopf lebe, der sterbe gern.

Die derzeit vorliegenden Gesammelten Gedichte Rolf Bosserts verschaffen einen atemlos machenden Eindruck von der Kompromisslosigkeit eines wortfeilenden Menschen, der unter dem Zugzwang der Zensur geschrieben und gelebt hat, gewissermaßen herausgefallen aus der Einheit, aber diese immer mit den Mitteln der Sprache, des Sprachspiels suchend. Das Herausgefallensein aus der Einheit des Selbst ist denn auch immer eine Antriebskraft, eine gewaltige Furiosität in dieser Lyrik, die immerzu, auch im Einfachsten der Nacht der Seele zu entkommen sucht. Manchmal schwingen sich Bosserts Gedichte im Absurden ein, manchmal fangen sie das Licht der Freiheit auf, umspielen, verwandeln die Lust nach Weite und Luft,  nach einem Wind, der sich nicht beschneiden, nicht einengen lässt. Es ist nicht anzunehmen, dass Bossert gerne gestorben ist, er hat sich lange gegen das Abgeschnittensein mit seinem ganzen Wesen gewehrt, hat den Ursprung zu erhalten gesucht zu einem eigenen inneren Land. Dem Herkunftsgebiet der Freiheit hat er die Treue gehalten, das Innen, gewendet unter dem Pistolenauge des Staates, hat er in seinen Freitod mitgenommen. Seine Gedichte gehören aber zum Bleibenden, zum Wortlandgebiet, dem er sich verbürgt hatte, sich aufbäumend gegen die perfide Macht eines Staates, der so vielen Menschen „Scheren“ in Herz und Kopf einpflanzte, damit sie nicht aus sich heraus fühlten. Zu gefährlich sind freie Menschen. Und haben manchmal, wie im Falle Rolf Bosserts, trotz ZUVERSICHT zu wenig Zeit, um zu bestehen.

 

Rolf Bossert: Ich steh auf den Treppen des Winds. Gesammelte Gedichte. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2006 352Seiten, 24,90 Euro

Hessischer Rundfunk, 2006