Juan Rulfo, Pedro Páramo - Marica Bodrožić
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Juan Rulfo, Pedro Páramo

Marica Bodrožić

 

„Ich habe den Mund voller Erde“ – solche Sätze lesen wir im berühmten Roman Juan Rulfos, der den schlichten und ebenso vielversprechenden Titel „Pedro Páramo“ trägt. Jetzt liegt das mexikanische Kult-Buch in einer neuen Übersetzung vor und es sind ihm noch mehr Leser als bisher zu wünschen. Der Tod ist in diesem Buch der wichtigste Protagonist, überall wird er gerochen, herbeigeschworen und gefürchtet. Dennoch hält er eine Erlösung in sich bereit, die das Leben selbst niemals zu schenken vermag. Die Koordinaten dieses schmalen Romans sind schnell wiedergegeben. Der tyrannische Großgrundbesitzer Pedro Páramo lebt in einem gottvergessen steinigen Ort namens Comala. Diese sonnenverbrannte Einöde, die eigentlich nur aus ein paar Hütten besteht, ist der Schauplatz von Páramos Schandtaten. Menschen werden betrogen, verprügelt, ermordet. Das Gesetz ist hier nur vorhanden in Form von Gesetzlosigkeit. Darin ist seine einzige Regel und Form zu finden. Doch damit ist der Roman nicht zu Ende erzählt, die eigentlichen Figuren sind hier Raum- und Zeitlosigkeit, sowie Juan Rulfos Sprache, in der sich das Gedächtnis der Lebenden und Toten vermischt, in der die Erinnerung eine Verschmelzung mit der Erde, den Steinen und den Friedhöfen erfährt. Erst als der Páramo sein Sterben mit den Worten „Das ist mein Tod“ begrüßt, scheint eine Verwandlung der Welt möglich zu werden. Da heißt es: „Die Sonne warf sich über die Dinge und gab ihnen ihre Form zurück. Vor ihm lag leer das verfallene Land. Die Wärme drang in seinen Körper. Seine Augen bewegten sich kaum, sie sprangen von einer Erinnerung zur anderen, verwischten die Gegenwart. Plötzlich hielt sein Herz inne, und es war, als ob auch die Zeit innehielte. Und die Luft des Lebens.“ Doch nichts hält hier inne, auch der Tod hat in diesem Roman ein Leben! Ein Dorftableau nach dem anderen wird immer wieder von neuem eröffnet und bei näherer Betrachtung sind eigentlich alle längst gestorben, sogar der Erzähler. „Über seine Wege und Felder…“, so hat es einmal Juan Rulfo selbst beschrieben und dies ist auch in dem vorliegenden Band nachzulesen, „…streifen nur die toten Seelen und Echos, die ungehindert durch Zeit und Raum irren.“ Es habe vier Jahre gedauert, bis sich die ersten tausend Exemplare seines Buches verkauften, die restlichen tausend Bücher aus der ersten Auflage, so schreibt Rulfo humorvoll, sei als Geschenk weggegangen, jeder, der ihn um ein Buch bat, bekam auch eines. Dreißig Jahre später wurde Pedro Páramo nicht nur in Lateinamerika ein Kultbuch, es lagen auch, neben den Übersetzungen ins Französische und Englische, auch Übertragungen ins Türkische, Chinesische oder Ukrainische vor. Als er an dem Buch geschrieben habe, sei dies vom Wunsch beflügelt gewesen, sich von der Angst befreien wollen.

Um zu schreiben, sagt Rulfo müsse man leiden. Ganz so hat es sein  berühmter lateinamerikanischer Kollege Gabriel Garcia Márquez nicht gesehen. Aber für Márquez hatte Rulfos Buch erweckerische Kraft, die Bücher dieses Autors, bekennt er, haben ihm schließlich den Weg zu seinem eigenen Werk gewiesen und eine ähnliche Dimension wie Kafkas Bücher eröffnet. Nachzulesen sind diese Ausführungen in einem kleinen Nachwort dieser gelungenen Neuübersetzung. Stimmen aus den Ritzen, Echos der Echos, das Gedächtnis der Gestorbenen und der Lebenden, all dies erwartet einen jungen Mann in Comala, der sich auf die Suche nach seinem nie zuvor gesehenen Vater gemacht hat. Diesen Auftrag hat er von seiner so eben verstorbenen Mutter erhalten. Als er das Dorf erreicht, stellt sich heraus, dass sein Vater der von allen gehasste Pedro Páramo ist und die Mutter, zurückversetzt in ihre Jugend, noch immer zu ihm spricht. Doch nicht aus diesem äußeren Handlungsstrang schöpft dieser Roman seine Kraft. Die Bildwelt und die Sprachkraft sind es, die dieses Buch zu einem Ereignis machen. Es lebt aus den stillen Betrachtungen, aus den inneren Räumen der beschriebenen Figuren. So scheint es beispielsweise völlig nebensächlich zu sein, dass ein Sohn seinen Vater findet, wobei man auch nie weiß, wer von den beiden der Verlorene und wer der Wiedergefundene ist. Vielmehr ist das Unterwegssein an sich von immenser Kraft, dass man als Leser sogar vergisst, wohin der Suchende sich eigentlich aufgemacht hat, wenn es beispielsweise an einer Stelle heißt: „Es war die Stunde, in der in allen Dörfern die Kinder auf der Straße spielen und den späten Nachmittag mit ihrem Geschrei erfüllen. Wenn die schwarzen Mauern noch das gelbe Licht der Sonne zurückstrahlen. So hatte ich es in Sayula gesehen, gestern noch, zu eben dieser Stunde. Und ich hatte auch gesehen, wie die Wildtauben in ihrem Flug die stille Luft zerteilten, mit den Flügeln schlugen, als schüttelten sie den Tag ab.“

Parallel zum Flug der Vögel flattern wieder die Stimmen der Kinder hoch, wo der „Abendhimmel sie blau zu färben schien“. Die Stille danach kann der Suchende nicht hören, doch nur, bekennt er, weil er die Stille nicht gewöhnt und sein Kopf voller Geräusche und Stimmen sei. Und doch glaubt man, er habe sich mit der Stille verbündet, als er der Großmutter auf ihre Frage, ob er gebetet habe, zur Antwort gibt: „Nein, Großmutter, ich habe nur dem Regen zugesehen.“ Eine schönere Art von Gebet kann man sich dabei gar nicht vorstellen. Auch die Art, in der das Wasser auf die Häuser trommelt, gerät bei diesem Autor zu einer Anrufung. Doch bei alledem ist die Sprache Juan Rulfos kein bisschen spektakulär, es sind die Sätze eines genauen Beobachters, der uns erzählt, wie es auf der anderen Seite der Gedächtniswelt zugeht, wenn wir auf den Schutz der sicheren Koordinaten verzichten. Nur wer bei dieser Lektüre bereit ist, Zeit und Raum hinter sich zu lassen, wird auf den Genuss einer zeit- und raumlosen Erzählung bekommen. Die Erinnerung wird dabei eine Verbündete der Natur. „Keiner von uns“, schreibt Rulfo einmal in diesem Roman, „die wir leben, ist im Stand der Gnade.“ Vielleicht müssen wir Menschen deshalb immer noch hoffen. Aber Hoffnung, die müsse man teuer bezahlen, wird dem jungen Mann gesagt, der seinen Vater sucht. Findet man sie, muss man länger als nötig leben. Warum sich das dennoch lohnt, auch davon handelt dieses Buch. Freilich kann man in einem solchen Buch den Tod nicht gratis bekommen. Wie den eigenen Vater, muss man den Tod bei Juan Rulfo eigenhändig suchen gehen.

 

Juan Rulfo: Pedro Páramo. Roman. Neu übersetzt von Dagmar Ploetz. Mit einer Nachbemerkung des Autors und einem Nachwort von Gabriel Garcia Márquez. 175 Seiten, 17, 90 Euro, Carl Hanser Verlag, München 2008

 

Text von 2008, ORF